Eine Kolumne über den AlltagWeil das Leben kein Ponyhof ist!
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Un(i)orientiert

Nach einer gefühlten Ewigkeit mache ich mich daran, mich wieder einmal mit diesem Blog zu beschäftigen. Ja, es war eine Ewigkeit, nicht nur gefühlt, aber ich hatte damit zu tun, nicht an der Uni zu verzweifeln. 

Die Uni ist seit diesem Sommer mein Lieblingsfreund geworden. Jetzt, wo ich das System endlich verstehe, kann nicht mehr viel schiefgehen. Dachte ich. Was soll man auch anderes denken, wenn man ständig davon hört, was für ein schönes Leben Studenten haben sollen. Parties, Parties, Parties. Die Realität will ich noch immer nicht so ganz begreifen. Natürlich war mir klar, dass das Studentenleben eben NICHT aus Parties und noch mehr Parties besteht. Aber in gewisser Weise hielt ich alle unangenehmen Begleiterscheinungen bis jetzt für ausgeschlossen, bei meinem Studium. Beispielsweise überfüllte Hörsäle. Was soll man sich da drunter auch vorstellen? Überfüllt hört sich halt sehr voll an. Aber bei einem Lehramtsstudium... niemals, als wollten so viele Menschen Lehrer werden. 
Tja. Wollen sie anscheinend. Gestern habe ich eine Ahnung bekommen, was überfüllt heißt, heute weiß ich es. Aber zurück zum Anfang. 
Gestern war also mein erster, richtiger Uni-Tag. Meine erste Vorlesung. Zu der ich nicht einmal gekommen bin. Ich habe nämlich eine Stunde gebraucht, um das Institut zu finden. Glücklicherweise finden nicht alle Vorlesungen im Hauptgebäude statt, das wäre ja auch zu langweilig. Nachdem ich also eine Stunde in Außenbezirken (!!!) herumgeirrt bin, nur weil ich in genau die Straßenbahn von den 4 einsteigen musste, die als einzige nicht dort hält, wo ich hinmuss, bin ich gerade noch rechtzeitig, sprich um 10.15 bei besagtem Institut angekommen. Chemie. Chemie mag ich schon von vornherein nicht, aber, als hätte es nicht noch schlimmer kommen können, ich hab den Hörsaal nicht einmal von Innen gesehen. Wo wir bei meiner leisen Vorahnung wären, was ÜBERFÜLLT bedeutet. Weil die Studenten bis auf den Gang hinaus gestanden sind, und ich nichts gehört habe, bin ich stattdessen frühstücken gegangen, um wenigstens irgendwie produktiv zu sein. 
Zweiter Versuch: Struktur und Funktion der Pflanzen, 8 Uhr Früh. Damit ich rechtzeitig hinkomme, bin ich also um halb 7 aufgestanden. Schmerzhaft. Ich war nicht einmal traurig, als der Wecker geläutet hat. Ich hab auch nicht abgedreht und hab weitergeschlafen. Nein, als der Wecker mich mit "Happy People" geweckt hat (ich sollte endlich den Weckton ändern) war ich nur eines: stinksauer. Gott weiß warum, mit 6 Stunden Schlaf habe ich das Pensum, das ich vor der Matura hatte wohl erfüllt, aber für jemanden, der im letzten halben Jahr ewig lang schlafen konnte, ist halb 7 eine mehr als unmenschliche Zeit. Vor allem in der kalten Jahreszeit, die wir ja jetzt schon haben, wo es draußen um halb 7 so dunkel ist wie in der Nacht und einen das Bett mit kuscheliger Wärme nicht auslassen will. Nach Strapazen und Stress habe ich es diesmal aber doch sehr sehr überpünktlich (was auf der Uni notwendig ist, also bezeichnen wir es in Zukunft nur noch als pünktlich) zu dem anderen Institut geschafft, und nicht nur dorthin, sondern tatsächlich auch in einen erst halbvollen Hörsaal. Was mir so  nett vorkam, blieb auch so, die Vorlesung ist nämlich nur für Lehramtsstudenten, und von denen gibt es knapp weniger, als der Hörsaal Sitze hat. Also: kein überfüllter Hörsaal für Struktur und Funktion der Pflanzen. 
Woher ich dann weiß, was überfüllt bedeutet? Ich hatte heute die zweite Chance für Chemie. Nach einer kurzen Pause bin ich also schon eine Stunde vor Beginn der Vorlesung dort gewesen. Alleine? Ha-Ha. Auch zu diesem Zeitpunkt waren schon mehr als 100 Menschen dort, obwohl noch eine andere Vorlesung stattgefunden hat. Durch einen glücklichen Zufall im Stiegenhaus gelandet, habe ich also eine Stunde mit ein paar anderen Glücklichen auf das Ende der Physikvorlesung gewartet, während sich auf der anderen Seite der Tür die Menschenmassen anstauten, chancenlos die Tür zum Gang von Außen aufzubekommen. Leider, leider, leider war eine Person anscheinend dumm genug, die Türe aufzumachen, und so war es eine viertel Stunde vor Einlass dann vorbei mit der gemütlichen Ruhe und ich musste mich mehr oder weniger um einen Sitzplatz schlagen. Stiegenaufgänge, Fensterbänke, Stehplätze, alles voll besetzt. Das heißt überfüllt. 
Und jetzt stellen wir uns kurz die Frage, ob überfüllt das gleiche wie überlaufen ist. Denn es kann wohl unmöglich sein, dass all diese Menschen Biologie studieren. Als ich dann unter großen Herumgewurschtel endlich im Stande sah, den Hörsaal zu verlassen, wartete schon die nächste Masse draußen. Und... diese Masse war massenhaft mehr, als die, der ich angehöre. Die Masse begann nämlich vor den Türen des Hörsaals und endete auf der Straße. Lustigerweise waren die Menschen auf der Straße der Meinung, sie seihen "eh noch pünktlich". Da wir aber wissen, dass pünktlich überüberpünktlich heißt, waren sie wohl nicht mehr pünktlich. 

Abgesehen von den Vorlesungen gibt es ja auch noch Übungen und Proseminare, die bekanntlich eine begrenzte Teilnehmeranzahl haben, es sollte also zu keinen Überfüllungen kommen. Wir werden sehen. Meinen ersten Test habe ich auch schon erfolgreich hinter mich gebracht, was bei einer Überprüfung des B2 Englisch Niveaus auch nicht allzu schwer sein sollte. Nebenbei sei noch angemerkt, dass ich doch schon einige schöne Menschen gesehen habe. Die Frage, ob und wie ich Kontakt zu ihnen herstelle hängt noch irgendwie in der Luft, auch die Frage, ob ich das eigentlich will. Denn so sehr ich mich auch erwachsen und als Studentin fühle, so sehr ich auch neue Menschen kennenlernen möchte, und so sehr ich ein neues Spektrum an feschen Männern brauchen könnte, so sehr fühle ich mich auch noch immer unfähig, so schöne Menschen für mich zu begeistern. 

Alles in Allem ist das Ganze wieder einmal mit 2 Worten zu beschreiben: 

Na bravo!

5.10.10 16:24
 


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